Mann leidet unter Stress durch Multitasking

Immer am Puls der Zeit leben wir trendbewusst mit der digitalen Überforderung. Gut informiert zu sein – längst kein „Kann“ mehr, sondern ein Muss. Kaum ein Mensch bewegt sich heute mehr ohne Smartphone oder Tablet durch den Alltag.
Rund 35 Millionen Stunden verbringt die Menschheit monatlich im Internet1. Ob zur Information oder um mit Familie und Freunden in Kontakt zu sein – das „World Wide Web“ ist generationenübergreifend als Medium nahezu unverzichtbar geworden.

Um im Alltag der modernen Informationsgesellschaft Schritt halten zu können, ist das Internet nahezu unverzichtbar. Doch der Dauer-Zugriff auf Newsfeeds, Facebook & Co. hat auch Schattenseiten: Probleme, mit der großen Informationsflut fertig zu werden, führen zu Anspannung und innerer Unruhe– im Extremfall auch zu chronischem Stress mit all seinen Folgen wie Schlafstörungen und körperlichen Beschwerden.

Idealvorstellung und Realität weit entfernt

Die Idealvorstellung einer optimalen Arbeitswelt: Arbeit, die Spaß macht, viel Geld bringt und das am besten noch in Teilzeit oder im Homeoffice. So einfach ist das leider nicht: Seit Mitte der 1990er Jahre ist die Wochenarbeitszeit in vielen Branchen wieder deutlich angestiegen. Der Weg zur Arbeit wird immer stressiger und mitunter länger. Verlängerte und flexiblere Arbeitszeiten, Arbeitsverdichtung, „freiwillige“ Mehrarbeit, ständige Erreichbarkeit. Die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben verwischt immer mehr.

Die gute Nachricht: laut einer Umfrage sagen immerhin sieben von zehn Beschäftigten, die Arbeit mache ihnen Spaß und sei ein wichtiger Teil ihres Lebens.

Arbeitspensum, Hektik, Lärm – das stresst Deutschlands Beschäftigte

In zahlreichen Studien wurde untersucht, was den Stress eigentlich auslöst. Als häufigster Grund für Stress im Job wurde ein Zuviel an Arbeit angeben. Rund zwei Drittel der Berufstätigen empfinden ihr Pensum als zu hoch und deshalb als belastend. Insbesondere die älteren Beschäftigten fühlen sich überfordert und haben die Befürchtung, nicht mehr mithalten zu können.

Aber auch eintönige und langweilige Arbeit finden immerhin ein Viertel der Berufstätigen belastend. Sechs von zehn Berufstätigen fühlen sich durch Termindruck und Hetze gestresst. Jeden Zweiten nerven außerdem Unterbrechungen und Störungen.

Viele empfinden auch ungenaue Anweisungen und Vorgaben, sowie mangelnde Anerkennung (mündlich, finanziell) als problematisch. Schlechte Arbeitsbedingungen sind ein weiterer häufig genannter Stressfaktor.

Nicht abschalten können

Stress durch Arbeits-Belastung

Wenn die Grenzen zwischen Berufsleben und Privatleben verschwimmen, kann der Stresspegel besonders hoch sein. Ständig erreichbar sein zu müssen (und zu sein) spielt dabei eine große Rolle. Wer zudem seine Arbeit wichtig nimmt, kommt nicht umhin, auch mal Probleme aus dem Arbeitsalltag gedanklich mit nach Hause zu nehmen. Dieses Nicht-Abschalten-Können kann zu einer hohen Stressbelastung führen. Vielen gelingt es nicht einmal am Wochenende oder im Urlaub die Arbeit aus dem Kopf zu bekommen.

„Stress braucht immer ein Gegengewicht”

Es gilt, der Anspannung ausreichend Entspannung entgegenzusetzen. Was beim Einzelnen wirkt, hängt von der Art der Belastung ab und von der individuellen Fähigkeit zu entspannen. Wer beispielsweise den ganzen Tag mit anstrengenden Kunden in

  • Call Center
  • Schule
  • Einzelhandel
  • Behörde etc.

zu tun hat oder in einer lauten Fabrik verbringt, braucht nach Feierabend vielleicht Ruhe; diejenigen, die im ruhigen Büro alleine gearbeitet haben, vielleicht genau das Gegenteil – viel Bewegung und den Kontakt zu Menschen.

Auf Platz eins bei Deutschlands beliebtesten Entspannungsmethoden steht das Hobby. Ebenfalls beliebt: Faulenzen. Über die Hälfte entscheiden sich der hektischen Betriebsamkeit mit purem Nichtstun zu begegnen - das Handy bleibt aber trotzdem an.

Arbeit ist nicht das halbe Leben

Amerikanische Wissenschaftler von flowingdata haben berechnet, wieviel Zeit unseres Erwachsenlebens (zwischen 18 und 79 Jahren) wir mit Arbeit verbringen. Von insgesamt 22.573 Tagen sind es lediglich 3.716 Tage: 16 Prozent unseres Lebens. Der Job nimmt damit in etwa so viel Zeit in Anspruch wie Haushalt, Reisen, Computerspielen, Essen und Trinken zusammen.

Multitasking: warum weniger mehr ist

Wissenschaftliche Studien zeigen: In den letzten Jahrzehnten hat sich Multitasking auch in deutschen Unternehmen immer mehr zum gängigen Arbeitsstil entwickelt. Wer nicht möglichst viel auf einmal schafft, gilt schnell als langsam, wenig belastbar oder gar faul. Doch längst ist bewiesen: Das menschliche Gehirn ist physiologisch nicht zum Multitasking in der Lage. Der Versuch, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erledigen, beeinträchtigt das Leistungsvermögen, die Arbeitsqualität und führt zu körperlichem Stress mit all seinen negativen Konsequenzen.

Die Forschungsergebnisse sind eindeutig: Je höher bei gleichzeitig auszuführenden Aufgaben die kognitive Beanspruchung ist, desto größer sind die Qualitätseinbußen, der Zeitverlust und die Fehlbeanspruchungsreaktionen. Wie gut Multitasking funktioniert, hängt also im Wesentlichen davon ab, wie viel Aufmerksamkeit die jeweiligen Tätigkeiten erfordern.

Das heißt: Um Zeit zu sparen, kann man zwar zum Beispiel beim Treppensteigen telefonieren – nicht aber beim Telefonieren eine E-Mail schreiben oder einen Text korrigieren. Der Grund: Eine gleichzeitige Informationsverarbeitung ist auf neurophysiologischer Ebene im Gehirn nicht möglich. Der Versuch zeigt: Die Information erfolgt immer zeitverzögert und die ablaufenden Prozesse behindern sich gegenseitig2.

Multitasking setzt Überforderungskreislauf in Gang

So kostet Multitasking Arbeitsforschern zufolge bis zu 28 Prozent der täglichen Arbeitszeit3 und kann leicht zu Überforderung führen. Wie der Stressreport der Bundesanstalt für Arbeit unter 20.000 Beschäftigten ergab, leiden mehr der im Büro Tätigen unter Multitasking (66 Prozent) als unter großem Termin- und Leistungsdruck (60 Prozent)4. Multitasking fördert nachweislich die Bildung von Stresshormonen wie Adrenalin und Kortisol und kann so zu chronischem Stress mit all seinen negativen gesundheitlichen Folgen führen:

  • Überforderung
  • Gereiztheit
  • Nervosität
  • Schlafstörungen
  • Erschöpfung
  • Burnout.

Durch die Freisetzung des Belohnungshormons Dopamin wird dem Gehirn zudem signalisiert: „Je mehr du arbeitest, desto glücklicher bist du.“ So wird der Negativ-Kreislauf noch zusätzlich befeuert.

Durch Entspannung und guten Schlaf die Nerven stärken

Starke Nerven bei Belastung

Wer im Berufsalltag unter großer Stressbelastung steht und oft bei seiner Tätigkeit unterbrochen wird, sollte vorsorglich sein Nervenkostüm stärken. Während des Arbeitstages regelmäßig und bewusst für kurze Erholungspausen zu sorgen, ist hilfreich um sich auch am späten Nachmittag und Abend noch gut konzentrieren zu können. Regelmäßige bewusste Entspannung durch Hobbys und Sport sorgen für einen sinnvollen Ausgleich in der Freizeit. Wer zudem ausreichend und gut schläft, schafft eine optimale Grundlage um mit den Belastungen des Alltages gut umgehen zu können.

Experten empfehlen Monotasking

Arbeitsforscher raten Unternehmen überdies zu Monotasking als neuem Arbeitsstil. Sich für eine längere Zeitspanne auf nur eine Aufgabe zu konzentrieren, bietet zahlreiche Vorteile. Experten zufolge kann man so bis zu 40 Prozent Zeit sparen. Die Produktivität steigt, der Zeitdruck nimmt ab. Monotasking verbessert nicht nur das Arbeitsergebnis – sondern auch die Arbeitsplatzqualität. Die positiven Folgen für Arbeitgeber und Arbeitnehmer:

  • Bessere Unternehmenszahlen
  • mehr Erfolg
  • weniger Stressbelastung
  • niedrigere Krankenstände
  • größere Arbeitsplatzzufriedenheit

Internet: immer und überall dabei

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Jeder User kennt das aus eigener Erfahrung: Selten bleibt es bei nur einem gezielten informativen Blick. Hat man Smartphone oder Tablet erst einmal in der Hand, klickt man sich munter durch die verschiedenen Apps auf dem Bildschirm, googelt man noch dies und das. Und das nicht etwa nur ein- oder zweimal am Tag, sondern quasi ständig.

Anders als zu Zeiten riesiger stationärer PCs, die im Arbeitszimmer standen, ist das Internet heute nämlich buchstäblich überall dabei: Im Büro, am Esstisch, im Wohnzimmer beim Fernsehen, sogar im Schlafzimmer. Und man surft darauf los, obwohl man eigentlich mit den Gedanken gerade ganz woanders ist (oder sein sollte).

Digitales Multitasking mit negativen Folgen

Das Ergebnis: Die Konzentration auf nur eine Sache lässt nach. Man springt zwischen den verschiedenen Aufgaben und Gedanken hin und her. Der Effekt ist der Gleiche wie beim Multitasking, das erwiesenermaßen Stress, Nervosität und Anspannung verursacht. Hält dieser Zustand über längere Zeit an, können Überforderung und nervöse Schlafstörungen die unangenehmen Folgen sein.

Hinzu kommt, dass das Surfen viel Zeit kostet – die an anderer Stelle fehlt. Schiebt man wichtige zu erledigende Aufgaben vor sich her, um sich den Ablenkungen durch das Internet hinzugeben, gerät man unweigerlich unter Zeit- und Termindruck. Solches Aufschiebeverhalten wird von Psychologen als „Prokrastination“ bezeichnet – eine kontraproduktive und daher schlechte Arbeitsgewohnheit5, die sich nur schwer wieder ablegen lässt.

Mit Medienfasten und Entspannung dagegenhalten

Für ungestörtes Arbeiten und ein gesünderes Verhältnis zu digitalen Kommunikationsmitteln raten Experten zum sogenannten „Medienfasten“. Regelmäßig Handy und Co. für einen vorher festgelegten Zeitraum nicht zu benutzen, kann die Bedeutung der digitalen Information auf eine angenehme Weise relativieren.

Nutzt man die medienfreien Phasen darüber hinaus gezielt für Entspannung, gibt man sich selbst zudem die Chance mental auch einmal völlig „abzuschalten“. Stress und Schlafstörungen infolge digitaler Überforderung sind bei bewusstem Medienkonsum kein Thema mehr.

Quellen:
1. DFME (Deutsches Fachzentrum für Stressbewältigung, Achtsamkeit und Persönlichkeitsentwicklung), www.fachausbildung-stressbewaeltigung-achtsamkeit.de, Februar 2014
2. X. Weißbecker-Klaus: „Multitasking und Auswirkungen auf die Fehlerverarbeitung. Psychophysiologische Untersuchung zur Analyse von Informationsverarbeitungsprozessen“, 1. Auflage, Dortmund: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin 2014. ISBN: 978-3-88261-006-2, 83 Seiten, Projektnummer: F2247, Papier, PDF-Datei.
3. M. Meckel: „Die Aufmerksamkeitskrise. Wie wir uns in einer Kultur der Zerstreuung wieder versammeln können“, Organisationsentwicklung Nr. 4, 2009
4. A. Lohmann-Haislah: „Stressreport Deutschland 2012. Psychische Anforderungen, Ressourcen und Befinden“, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin BAuA, Dortmund/Berlin/Dresden, 2012. ISBN: 978-3-88261-725-2, www.baua.de/dok/3430796
Wikipedia: „Aufschieben“, 7. September 2015, https://de.wikipedia.org/wiki/Aufschieben
Weitere Quellen:
Statista.com
TK-Stressstudie
destatis.de
flowingdata.com

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